die GLORREICHEN SIEBEN

keep on rockin´in the free world

a Tribute to Neil Young!
Ulrich Stock in DER ZEIT über die GLORREICHEN SIEBEN


Schlichte Gemüter erfreuen sich an der sogenannt ehrlichen Rockmusik, und warum auch nicht. Sie versteht sich als ein schweißtreibendes Handwerk und pocht im Viervierteltakt auf den Charme des Rustikalen. Wer mehr braucht als bierselige Gitarrensoli im vertrauten Schema, mag kompliziertere Spielarten des Rock bevorzugen. Früher nannte man so etwas Art Rock, das war ein Hardrock, der sich vorn und hinten etwas abgebrochen hatte. Heute spricht man chic vom Math Rock: Durfte der Rock noch Wurzeln im Blues haben, müssen es beim Math Rock schon Quadratwurzeln sein.
Mit solchen Sprüchen mögen Jazzmusiker und Jazzkritiker lästern über ein benachbartes Genre, das nie wirklich locker sein kann oder lockerlassen kann, weil es immer an sich arbeiten muss, um die Transpiration aufrechtzuerhalten.
Aber auch Spötter halten die Klappe, wenn von Neil Young die Rede ist, dem selig quäkenden Kanadier, der vor Jahrzehnten mit seiner Klampfe vom Sugar Mountain der ver- gänglichen Jugend zu uns Erwachsenen herabgestiegen ist, um nun ruhelos durch den Dschungel unendlicher Gruppenimprovisationen zu streifen. In der Vinylversion seines ungefähr 50. Albums, Psychedelic Pill, reicht eine Plattenseite nicht mehr aus, um das längste Stück zu fassen. Es wird ausgeblendet; man muss umdrehen, um weiterzuhören.
Neil Young hat mit diesen Dehnübungen seine Nische in der Rockmusik so lange ver größert, bis jetzt ein paar marodierende Jazzmusiker hineingestolpert sind. Sie nennen sich, den Wilden Westen beschwörend, Die Glorreichen Sieben, sind aber nur zu viert, was immerhin ihre Ferne zum Math Rock dokumentiert: der Finne Kalle Kalima an der elektrischen Gitarre, der Schweizer Flo Götte am Bass, der Deutsche Christian Lillinger am Schlagzeug und, am zweiten Schlagzeug, der Österreicher Alfred Vogel.
Europäischer kann ein Jazzquartett nicht sein, von der Virtuosität nicht zu sprechen. Als wollten sie Lou Reed selig paraphrasieren: You can’t beat two drums, bass and guitar. Mit Lust an der Destruktion und Rekonstruktion nehmen sie sich des Youngschen Œuvres an. Allein drei genussvolle Minuten braucht es, bis das erste Stück, Zimtmädchen, sich als je- nes Cinnamon Girl zu erkennen gibt, dem der Meister ums Haar verfallen wäre: »I wanna live with a cinnamon girl / I could be happy / The rest of my life / With a cinnamon girl.« Gesungen allerdings wird nicht, nur im Kopf des Hörers.
Mit Heart Of Gold geht es weiter, dem einzigen Nummer-eins-Hit, den Neil Young je hatte, hier mit einer Kantigkeit gespielt, als müsse von Herzen gehobelt und nicht veredelt werden.
Neun Kunststücke insgesamt, weder Math noch Art, noch Hard: Dies ist Free Rock. Oder, machte es nicht so viel Spaß, sogar Free Jazz. (Mehr Sottisen über Jazz bei nächster Gelegenheit.)